Wenn die Polizei auf Demenz trifft: Kärntens Exekutive wird demenzkompetent

Rund 10.000 Menschen in Kärnten sind von einer demenziellen Entwicklung betroffen. Wenn Menschen mit Demenz die Orientierung verlieren, aus Pflegeeinrichtungen abgängig sind oder in belastenden Situationen ungewöhnlich reagieren, wird nicht selten die Polizei gerufen. Genau hier setzt eine neue Initiative des Landes Kärnten gemeinsam mit der Landespolizeidirektion Kärnten an, die heute im Rahmen einer Pressekonferenz vor dem Welt-Alzheimertag am 21. September von Pflege-Landesrätin Beate Prettner, Ärztin Jasmin Madrutter und Oberst Wolfgang Gabrutsch von der Landespolizeidirektion Kärnten präsentiert wurde.

„Demenz ist kein Thema für einen einzigen Aktionstag. Rund 10.000 Menschen in Kärnten sind direkt betroffen – und damit auch ihre Familien, Angehörigen und ihr gesamtes Umfeld. Deshalb setzten wir im Rahmen unserer Demenzstrategie dort an, wo Unterstützung gebraucht wird – im Alltag, in der Pflege, in den Gemeinden, in Betrieben und auch bei einem Polizeieinsatz“,

betont Prettner.

Gut leben mit Demenz

Kärnten arbeitet seit 2016 im Rahmen der nationalen Demenzstrategie „Gut leben mit Demenz“ an konkreten Maßnahmen für Betroffene und Angehörige.
Prettner:

„Unser Ziel ist ein möglichst demenzkompetentes Umfeld – und dazu gehört auch, dass Einsatzkräfte wissen, wie sie Menschen mit Demenz in schwierigen Situationen richtig begegnen. Denn ein Mensch, der verwirrt ist oder sich gegen eine Maßnahme wehrt, handelt nicht unbedingt aus Widerstand oder böser Absicht. Sein Verhalten kann Ausdruck seiner Erkrankung, seiner Angst oder seiner Überforderung sein.“

Schulung mit drei Bausteinen

Die neue Initiative in Kooperation mit der Kärntner Polizei geht dabei über die österreichweit verfügbare Online-Schulung hinaus. Das Schulungskonzept besteht aus drei Bausteinen: dem E-Learning des Innenministeriums als Grundlage, einer Präsenzschulung direkt in der Polizeidienststelle sowie einer Praxiseinheit in einem Pflegeheim.

„Demenz ist ein Chamäleon – oft gut versteckt und gleichzeitig sehr vielfältig. Gerade in Krisensituationen braucht es daher Ruhe, Geduld und gute Kommunikation“,

erklärt Jasmin Madrutter, Fachärztin für Allgemeinmedizin mit Spezialisierung in Geriatrie, die gemeinsam mit Kollegin Sabine Dietrich das Schulungscurriculum erarbeitet hat.

„Mir war es besonders wichtig, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch den praktischen Kontakt zwischen Polizei und Pflege herzustellen. Die Polizistinnen und Polizisten lernen, typische Symptome und Verhaltensweisen zu erkennen und in praktischen Übungen, wie eine achtsame Kommunikation gelingen kann.“

Die ersten Pilotschulungen hätten gezeigt, wie wertvoll dieser Austausch sei:

„Die Rückmeldungen waren sehr positiv – und das Wissen wirkt durch die Polizeibediensteten als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren weiter.“

Respekt, Einfühlungsvermögen und das Verständnis für die jeweilige Situation seien die Basis jeder Begegnung.

Pilotphase abgeschlossen

Die ersten Polizeidienststellen in Villach und Velden mit rund 40 Bediensteten wurden heuer bereits als Pilotstandorte geschult. Die Erfahrungen aus dieser Pilotphase fließen nun in den kärntenweiten Roll-out ein.

„Das BMI hat mit der österreichweiten Initiative der demenzfreundlichen Dienststellen, dem E-Learning, bereits einen wichtigen Grundstein gelegt. In Kärnten vertiefen wir diese Arbeit nun weiter – vor allem die enge Vernetzung mit Pflegeeinrichtungen ist für uns wertvoll“,

betont Oberst Gabrutsch.

„Für die Polizei gibt es im Zusammenhang mit Demenz viele Schnittstellen – bei einer Suche nach abgängigen Personen koordinieren wir etwa auch verschiedene Einsatzorganisationen. Entscheidend ist, dass unser ,Gefahrenradar‘ geschärft ist und wir erkennen, wann hinter einem auffälligen Verhalten möglicherweise eine Demenzerkrankung steckt. Im Umgang gibt es keine Patentlösung, aber sehr wohl Werkzeuge, die im Einsatz – und auch im privaten Umfeld – helfen.“

Schulung in allen Bezirken

In diesem und im nächsten Jahr sollen neun weitere Polizeidienststellen mit rund 160 Teilnehmenden an der Schulung teilnehmen – jeweils eine pro Bezirk.

„Wir wollen ein demenzkompetentes Einsatzumfeld in ganz Kärnten schaffen. Davon profitieren die Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen genauso wie das Pflegepersonal – und natürlich gewinnen auch die Polizistinnen und Polizisten mehr Sicherheit für ihre Einsätze. Im besten Fall können wir dadurch auch unnötige Eskalationen und Krankenhausaufenthalte vermeiden“,

so Prettner.

Weitere Maßnahmen im Bereich Demenz

Die Polizeischulung ist Teil eines größeren Maßnahmenpaketes des Landes. Aktuell sind zwölf Kärntner Gemeinden als „Demenz.Aktivgemeinden“ zertifiziert – damit verfügt Kärnten über die höchste Zahl zertifizierter Gemeinden in Österreich. Auch die Unterabteilung Pflegewesen des Landes Kärnten hat den Qualifizierungsprozess erfolgreich abgeschlossen.
Darüber hinaus gibt es Schulungen und Vorträge für pflegende und betreuende Angehörige, Ehrenamtliche, Vereine, Betriebe und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes. Die Pflegenahversorgerinnen bieten zudem Sprechstunden zum Thema Demenz an. Ein weiterer Schwerpunkt sind Kulturbegleitungen für Menschen mit demenzieller Entwicklung.

„Diese Umfeldschulungen wollen wir weiter forcieren und auf möglichst viele Bereiche des öffentlichen Lebens ausweiten – etwa auch auf Apotheken oder andere lokale Nahversorger. Unser Ziel ist ein Netz aus Demenzkompetenz in Kärnten“,

betont Prettner.
Rund um den Welt-Alzheimertag finden in ganz Kärnten zahlreiche Vorträge, Schulungen, Informationstage und Veranstaltungen statt. Als sichtbares Zeichen werden öffentliche Gebäude – darunter auch die Landesregierung – rund um den 21. September in der internationalen Symbolfarbe für Alzheimer und Demenz, Lila, beleuchtet.
Auch Bewegung und Gemeinschaft stehen im Zeichen des Welt-Alzheimertages: Am Samstag, 19. September, findet ab 9.30 Uhr in Liebenfels erstmals der „Run4Memory“ im Rahmen der Initiative „Gesundheit fördern, Kärnten bewegen“ statt. Der Reinerlös kommt den vier Kärntner Demenz-Selbsthilfegruppen zugute.

Erste Zertifikate überreicht

Im Anschluss an die Pressekonferenz erhielten zudem die ersten Polizeibediensteten, die die neue Demenzkompetenz-Schulung erfolgreich absolviert haben, ihre Zertifikate.

„Unser gemeinsames Ziel muss sein, dass Menschen mit Demenz möglichst lange gut, sicher und selbstbestimmt leben können. Dazu gehört auch, dass sie in einer Ausnahmesituation auf Menschen treffen, die wissen, wie man ihnen Sicherheit gibt. Genau das wollen wir erreichen – für ein demenzkompetentes Kärnten und damit auch für ein menschlicheres Kärnten“,

so Prettner abschließend.
Quelle: LPD Kärnten