Erinnern heißt, Verantwortung zu leben

Erinnerungsjahr 2025/Leto spominjanja: Wir begehen heuer 80 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg, 70 Jahre Staatsvertrag und 30 Jahre EU-Beitritt. Am 8. Mai 1945 endete der Krieg in Europa. Das Land Kärnten lud daher gestern, Donnerstag, zu einer großen Festveranstaltung ins Konzerthaus Klagenfurt. Seitens der Landesregierung waren Landeshauptmann Peter Kaiser, LHStv.in Gaby Schaunig, LHStv. Martin Gruber, LR Daniel Fellner, LR.in Sara Schaar und LR Sebastian Schuschnig anwesend. Festredner war Altbundespräsident Heinz Fischer und Maja Haderlap las aus ihrem Buch „Engel des Vergessens/Angel pozabe“. Zu Wort kamen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Jugendliche sowie Historiker Helmut Konrad. Zudem gab es im kärnten.museum eine Voreröffnung der Sonderausstellung „Hinschaun! Poglejmo“, die offiziell heute am Abend startet. Neben den vielen Gästen im Konzerthaus verfolgten die Festveranstaltung auch Schülerinnen und Schüler aus Kärntens höheren Schulen via Livestream.
 

„Erinnern heißt, Verantwortung zu leben“,

betonte Landeshauptmann Kaiser.
Die heurigen Jubiläen seien eine deutliche Botschaft für Friede, Freiheit, Demokratie und Einheit. Unsere liberale Demokratie sei keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis mutiger Entscheidungen.

„Was wir aus der Vergangenheit lernen, gibt uns Kraft, die Gegenwart zu gestalten und Mut für die Zukunft zu schöpfen. Der Blick zurück ist Mahnung, er ist Auftrag und Verpflichtung den Millionen Opfern gegenüber“,

so Kaiser.
 
Der Blick in die gegenwärtigen Ereignisse sei aber leider ernüchternd. Kaiser verwies auf die Ukraine, Gaza, Indien und Pakistan, Taiwan, das Hegemoniestreben der Großmächte. Angesichts dessen sei eine klare Haltung gefordert:

„Ich appelliere dafür, alles zu tun, um unsere Demokratie wehrhaft zu gestalten und sie immer aufs Neue zu erkämpfen. Lassen Sie uns ein Bekenntnis für Freiheit, Souveränität, Respekt, eine Neutralität mit aktiver und friedenssichernder Außenpolitik, für Selbstbewusstsein und Verteidigungsfähigkeit abgeben.“

Kärnten, am Schnittpunkt dreier Kulturen, zeige vor, wie Einheit in Vielfalt gelebt werden könne.

„Und wir stehen damit für ein starkes Europa“,

so Kaiser.
 
Festredner Fischer gratulierte dem Land Kärnten zur „sorgfältigen und überzeugenden Gestaltung des Gedenkaktes“. Als 1938 Geborener habe auch er einige Erinnerungen an den Krieg und die Nachkriegszeit. Er erzählte unter anderem, wie er die Bombenangriffe auf Wien erlebte und dann später zu Verwandten ins Burgenland kam, wo er die Schule besuchte.

„Wir erlebten Panik, Tragik, Krieg, Hysterie, Hinrichtungen und Kriegsverbrechen mit“,

so Fischer, der Krieg als das größte Menschheitsübel bezeichnete.
Wichtig ist es für den früheren Bundespräsidenten auch, dass das Schicksal der deportierten Kärntner Sloweninnen und Slowenen in der Erinnerungskultur nicht fehlt.

„Wir dürfen niemals vergessen“,

so Fischer weiter.
Er strich die Leistungen der Gründerinnen und Gründer der Zweiten Republik hervor. Als 17-Jähriger sei er beim berühmten „Österreich ist frei!“ Leopold Figls in der Menge gewesen. Bei der EU-Volksabstimmung habe er mit Ja gestimmt. Der EU-Beitritt sei eine der wichtigsten Entscheidungen für Österreich gewesen. Fischer hob noch den Artikel 1 der Menschenrechte hervor:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Eine stärkere Berücksichtigung dieses Satzes würde viel ändern, so der frühere Bundespräsident.
 
Maria Peskoller war die Mutter von Zeitzeugin Helga Emperger und wurde als Widerstandskämpferin von den Nazis hingerichtet. Emperger ist mit ihren über 90 Jahren noch immer in Schulen unterwegs und erhebt ihre Stimme. In einer Filmeinspielung sagte die Zeitzeugin: „Ich bitte Sie alle: Bemühen Sie sich. Es ist wichtig, Zivilcourage zu entwickeln und aufzupassen, dass der Faschismus nicht wiederaufersteht.“ Emperger war bei der Festveranstaltung auch persönlich anwesend, ebenso wie die Zeitzeuginnen Rozina Wernig, Ana Olip-Wurm, Anna Urban und Zeitzeuge Reginald Vospernik. Marija Michor und Regina Tolmaier waren via Live-Stream dabei. Sie alle erzählten in einem weiteren Film in bewegenden Worten von der Deportation von über 1.000 Kärntner Sloweninnen und Slowenen. Am 17. Juli 1945, mehr als zwei Monate nach Kriegsende, traf der erste Heimkehrer-Transport aus Nürnberg in Villach ein. Viele dieser Menschen waren auch danach noch verbalen und tätlichen Übergriffen ausgesetzt.
 
Ihre Gedanken zur Erinnerungskultur teilten Schülerinnen und Schüler aus der 6b des Europagymnasiums Klagenfurt und der 5a des BG/BRG für Slowenen. Sie zeigten sich von den Erzählungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sehr berührt. Auch Historiker Helmut Konrad war von den Filmeinspielungen mit den Zeitzeugenberichten bewegt. Er hob hervor, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit sei und man immer wachsam sein müsse. Das demokratische Umfeld sei heute nämlich wieder fragil. Die Geschichtswissenschaft müsse laut Konrad darstellen, wie etwas gewesen ist, und vor allem auch die Wirkungsgeschichte beachten. Bei letzterer gehe es um den Umgang mit einem Ereignis, um die unterschiedlichen Erinnerungsstränge und Opfergeschichten.
 
Über die Sonderausstellung „Hinschaun! Poglejmo“ informierte der Direktor des kärnten.museum, Wolfgang Muchitsch. Sie ist bis einschließlich 26. Oktober zu sehen. Musikalisch umrahmt wurde die Festveranstaltung von Hannah Senfter (Harfe und Klavier), Edgar Unterkirchner (Klarinette) und Polina Winkler (Geige). Die zweisprachige Moderation erfolgte durch Ute Pichler und Alexander Tolmaier. Anwesend waren unter anderem auch die Landtagspräsidenten Reinhart Rohr, Christoph Staudacher und Andreas Scherwitzl, die ehemaligen Landeshauptleute Peter Ambrozy, Gerhard Dörfler und Christoph Zernatto, Dechant Janko Krištof, Superintendent Manfred Sauer mit der designierten Superintendentin Andrea Mattioli, die Generalkonsulin der Republik Slowenien, Maja Balant Slobodjanac, der ehemalige hohe Repräsentant von Bosnien und Herzegowina, Valentin Inzko, die Ehefrau des früheren Bundespräsidenten, Margit Fischer, Radio Kärnten-Programmchef Martin Weberhofer und der designierte ORF-Stiftungsrat Michael Götzhaber.
Quelle: LPD Kärnten